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Die „Stillephase“ im Senior*innenheim

  • Autorenbild: Beate Orgler
    Beate Orgler
  • 1. Mai 2025
  • 2 Min. Lesezeit

Meine Kollegin Maria und ich arbeiten in einem Seniorenheim in Schwaz in Tirol. Um unser wöchentliches Programm abwechslungsreicher zu gestalten, haben wir uns zu dem „L3M- Lebensbegleitend Lustvoll Lernen nach Montessori“-Lehrgang in Zirl 2023/24 angemeldet. Unsere Trainerinnen Martina und Claudia infizierten uns gleich mit dem Montessori Fieber. Im Kurs begannen schon die ersten Ideen zu sprießen, jedoch hatte ich Sorge, ob unsere Bewohner*innen sich auf etwas Neues einlassen würden. Immer wieder erzählten wir in den Gruppenstunden den Senioren*innen von dieser neuen Ausbildung. Auch Teilelemente von Montessori wurden ins Gedächtnistraining eingebaut, und es wurde für gut empfunden. Wir machten Einladungen zu einer Schnupper-Einheit und verteilten diese persönlich.



Es war nett anzuschauen, als unsere Heimbewohner*innen zur ersten Einheit kamen und die Einladung wie eine Eintrittskarte vorzeigten. Es kamen tatsächlich alle 18 Senioren*innen, die wir eingeladen hatten. Eigentlich war die Gruppe viel zu groß, denn mit diesem Ansturm hatten wir tatsächlich nicht gerechnet. Aber wir waren ja zu zweit und die Räumlichkeiten passten auch. Seither findet bei uns wöchentlich eine Montessori Einheit statt. Die Gruppe besteht meistens aus 12-16 Personen und es ist schön zu sehen, wie die Teilnehmer*innen zusammenwachsen.


Meine allergrößten Bedenken hatte ich allerdings bei der „Stille-Phase“. Würden sich die Teilnehmer*innen darauf einlassen? Wie kann man Ruhe in eine Gruppe von hochaltrigen Personen bringen? Darf ich zu Menschen dieses Alters sagen, dass jetzt nicht geredet werden soll? Es wurde eine Klangschale angeschafft, die während des „Gehens auf der Linie“ von einer Person zur nächsten gereicht wird und siehe da, unsere Teilnehmer*innen lieben es, wenn der zarte Ton erklingt.


Das allerschönste Erlebnis hatten wir mit einer Dame Mitte 80. Sie benützte nach einem Sturz aufgrund von Schwäche und Unsicherheit einen Rollstuhl. Sie war schon einige Male bei der Gruppenstunde dabei, als sie beim „Gehen auf der Linie“ auf einmal sagte, sie würde es gerne versuchen. In diesem Moment stand sie auch schon beim Tisch und wartete auf unsere Hilfestellung. Hochkonzentriert ging sie mit Hilfe von meiner Kollegin Maria und mir mit langsamen Schritten auf der Linie und ihr Lächeln wurde immer strahlender. Voller Stolz erzählte sie bei der „Reflexionsphase“, dass sie gar nicht mehr gewusst hat, dass sie noch gehen kann. Mit gestärktem Selbstbewusstsein bedankte sie sich. Seit diesem Erlebnis und voller Selbstvertrauen übte sie fleißig mit dem Therapeuten und bei uns das „Gehen auf der Linie“. Nach ca. 2 Wochen kam sie erhobenen Hauptes in Begleitung einer Pflegeperson mit dem Rollator.

Leider ist sie mittlerweile verstorben, aber dieses Ereignis hat mich beim Anbieten von „Gehen auf der Linie“ – Montessori nannte es die „Stille der Bewegung“ – sehr bestärkt. Denn nur wenn man von einer Sache auch selbst überzeugt ist, kann man dies an andere weitergeben.

Danke an unsere Trainerinnen Martina und Claudia für die lehrreichen Stunden im Lehrgang. Und natürlich ein großes DANKE an Christine und Beatrix, für die Entwicklung dieses Konzeptes.

Wir brennen für Montessori, denn es ist eine Bereicherung in der Arbeit mit „unseren Bewohner*innen“ und eine Energiequelle in unserem Berufsalltag.


Beate Orgler




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