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Handysucht & Senior:innen

  • vor 3 Tagen
  • 2 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Beitrag von Edith Simöl


Sucht oder Selbstbestimmung? Ein geragogischer Blick auf das Smartphone im Alter


In der aktuellen Berichterstattung begegnet mir vermehrt das Schlagwort der „Handysucht bei Senior:innen“. Berichte im ORF oder in der Boulevardpresse zeichnen oft ein alarmierendes Bild einer Generation, die in die digitale Abhängigkeit rutscht. Als Leiterin der Servicestelle digitale Senior:innen und aus der Perspektive der Montessori-Geragogik beobachte ich dies mit Skepsis: Handelt es sich wirklich um ein Suchtphänomen – oder vielmehr um einen intensiven Prozess der digitalen Aneignung?


Mediale Narrative vs. geragogische Realität

Schlagzeilen von „75.000 Internetsüchtigen in Österreich“ klingen dramatisch, beziehen sich jedoch meist auf die Gesamtbevölkerung. Suchtexperten wie Oliver Scheibenbogen (Anton-Proksch-Institut) betonen zurecht, dass bei Älteren weniger klinische Sucht im Fokus steht, sondern psychosoziale Faktoren wie Einsamkeit oder mangelnde Medienkompetenz. In unserer Praxis erleben wir das Smartphone primär als Werkzeug der Autonomie: Es dient der Pflege familiärer Bindungen, dem Gesundheitsmanagement und der Teilhabe. Das ist keine Sucht, sondern gelebte Selbstständigkeit.


Lernzeit ist keine Nutzungszeit

Ein häufiger Fehlschluss ist die Gleichsetzung von Verweildauer und Abhängigkeit. Die Aneignung digitaler Kompetenzen braucht Zeit. Wenn eine Seniorin länger benötigt, um eine Bank-App sicher zu bedienen, ist das kein Zeichen von Exzess, sondern von kognitiver Resilienz. Hier greift das Prinzip: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ Gleichzeitig gehört zur Medienkompetenz mehr als Technik. Wir beobachten, dass auch die digitale Souveränität im Nutzungsverhalten erst erlernt werden muss. Dazu zählt das Gespür dafür, welche Fotos im Familien-Chat geteilt werden oder die bewusste Entscheidung, das Gerät beiseitezulegen, wenn man gemeinsam am Tisch sitzt. Diese Form der „digitalen Etikette“ ist kein Zeichen von Sucht, sondern Teil eines notwendigen Reifungsprozesses im Umgang mit einem neuen Medium.


Fazit: Potenziale fördern

Statt Senior:innen pauschal vor „Gefahren“ zu warnen, müssen wir sie in ihrer Eigenaktivität bestärken. Was wir brauchen, ist keine Defizit-Debatte, sondern barrierearme Technik und Schulungen, die Selbstwirksamkeit fördern. Das Smartphone ist für die meisten Senior:innen kein Suchtmittel, sondern eine Brücke zur Welt. Lasst uns die Diskussion weg von der Angst und hin zur Befähigung führen.



Zur Autorin: Die Verfasserin ist Leiterin der Servicestelle digitaleSenior:innen in Wien und Expertin für digitale Bildung im Alter mit Schwerpunkt auf geragogischen Ansätzen.


Quellen:

Statistik Austria: IKT-Einsatz in Haushalten


© Pixabay - lizenzfreie Verwendung
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