Der Geist als Anker: Wie Lernen durch schwere Zeiten trägt
- 21. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 21. Juli
Beitrag von Martina Permoser-Wohletz
Aufgrund der Begleitung zweier Freundinnen durch deren Krankengeschichte fragte ich mich: Ist Krankheit eine Grenze? Hat man noch Interesse an Bildung, wenn man eine existentielle Krise durchlebt? Wie wichtig ist Bildung dann überhaupt noch?
Während der Begleitung, Beobachtung und dem Miterleben dieser schweren Zeit suchte ich nach Antworten. Nicht als Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, sondern als Freundin und Weggefährtin.
Die Erfahrung einer langwierigen Krankheit fühlt sich oft an wie ein unvorhergesehenes Anhalten der Zeit, während die Welt draußen einfach weiterzieht. In dieser erzwungenen Stille, in der Körper und Kraft versagen, kann der Geist zum einzigen Ort werden, an dem man noch aktiv gestalten und wachsen kann.
Bildung wirkt in diesem Kontext nicht als bloße intellektuelle Beschäftigung, sondern als lebenswichtiger Anker. Sie erfüllt dabei unterschiedliche Funktionen:
Die Flucht aus der Identitätsfalle: Wenn man monatelang die Krankheit oder der/die Krank/e ist, verengt sich der eigene Horizont auf Arzttermine, Symptome, Schmerzen und Medikamente. Das Lernen, sei es eine neue Sprache, ein historisches Thema oder ein künstlerisches Handwerk oder auch die bloße Planung eines zukünftigen Vorhabens gibt einem ein Stück Identität zurück, das nichts mit dem Gesundheitszustand zu tun hat. Man ist wieder Lernende, Entdeckerin oder Interessierte.
Die Strukturierung des Vakuums: Die Krankheit entzieht dem Alltag oft seinen Rhythmus. Lerninhalte bieten eine sanfte, selbstbestimmte Struktur. Sich für eine halbe Stunde einem Thema zu widmen, kann dem Tag ein Ziel geben, das nicht mit Genesung oder Schmerzbewältigung zu tun hat. Es ist ein Projekt, das man trotz Schwäche kontrollieren kann.
Der mentale Gegenpol zum Rückschlag: Die Rückschläge in der Genesung sind psychisch zermürbend. Hier fungiert das lebenslange Lernen als Beweis für die eigene Wirksamkeit. Auch wenn der Körper streikt, zeigt die geistige Auseinandersetzung mit neuen Inhalten: Ich bin noch fähig, ich verändere mich, ich erweitere meine Welt. Dieser kognitive Fortschritt ist ein notwendiger Kontrast zum oft stagnierenden körperlichen Befinden.
Mut durch Perspektive: Gerade für Senior*innen bietet das lebensbegleitende Lernen eine besondere Form von Mut. Es ist das Bekenntnis, dass die eigene Geschichte nicht abgeschlossen ist. Jedes neue Wissen, jede neue Fertigkeit ist ein Weiter, es ist die leise Rebellion gegen den Stillstand und die Entscheidung, auch unter schwierigen Bedingungen die eigene Neugier als Kompass zu nutzen.
Dranbleiben als Lebenselixier: Das Wichtigste ist nicht die Perfektion oder das Erreichen eines offiziellen Abschlusses, sondern der Prozess des Dranbleibens. Es sind die kleinen Schritte, eine gelesene Seite, ein verstandener Zusammenhang, ein gemaltes Bild, die signalisieren: Ich bin noch hier, ich gestalte meinen Geist, ich lasse mich von der Krankheit nicht vollständig definieren.
Bildung ist in diesen Zeiten kein Luxus, sondern eine Form der Selbstfürsorge. Sie ist das Fenster, das man in einem geschlossenen Raum öffnet um wieder frische Luft zu atmen. Sie erinnert uns daran, dass wir trotz Schwäche und Verzweiflung immer noch Menschen sind, die wachsen, sich entwickeln und staunen können.



